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Unschärfe

Unscharfe Lochkamerabilder

Was vielen Betrachtern eines Lochkamerabildes wohl zuerst auffällt: es ist unscharf! Im digitalen Zeitalter ist das technisch perfekte Foto zur Selbstverständlichkeit geworden. Diese Perfektion wird vom Profi erwartet und kann auch vom Amateur erzielt werden. Warum also dieser technologische Schritt zurück in die Anfänge der Fotografie?

Der unscharfe Fernblick in der Romantik

Das Thema Unschärfe wurde nach Wolfgang Ullrich zuerst von Adam Müller 1808 im Zusammenhang mit der Landschaftsmalerei thematisiert(1). Müller stellt fest, dass die Dinge aus der Nähe fest, deutlich und klar wirken, während beim Blick in die Ferne die Umrisse weicher und die Farben sanfter werden, Luft und Erde zusammenzufließen scheinen. Der Fernblick wird damit zum metaphysischen Schauen, während das Nahe einen analytisch-kühlen Blick provoziert.

Es war ein Ideal der romantischen Landschaftsmalerei Ende des 18. Jahrhunderts, dass der Betrachter eines Landschaftsbildes nicht durch aufdringliche Details in Anspruch genommen wird. Dieses Ideal kann etwa durch eine natürliche Unschärfe erreicht werden, indem der Maler unscharfe Motive wie Dämmerung und Nebel wählt.

Mit Fotografie malen?

Diese natürliche Unschärfe war auch eine Forderung in der Frühzeit der Fotografie(2). Hier fordert Alfred H. Wall, der das malerische Potenzial der Fotografie betont, und feststellt, dass in der Fotografie Licht die gleiche Rolle zukommt wie dem Stift beim Zeichnen, eine natürliche Unschärfe durch das Einfangen von Dunst und Nebel. Andere wie William J. Newton fordern technische Unschärfe durch Belichtung außerhalb des Brennpunktes. Technische Unschärfe wurde neben bewussten Fehlbelichtungen mit Retuschen in allen Phasen des Entwicklungsprozesses erreicht. Zum Beispiel durch das Legen von Blattgelatine zwischen das scharfe Negativ und das Kopierpapier. Mit der Lochkamera dagegen gelangt man schon während der Aufnahme zu einem weich gezeichneten Bild.

Mit Malerei fotografieren?

Fotographische Unschärfe wird von Gerhard Richter als Stilmittel in seinen Gemälden eingesetzt. Er will mit seinen Gemälden keine Fotos imitieren, sondern ein Foto machen, das eben nur nicht aus einem Stück belichteten Papiers besteht, sondern aus Ölfarben auf Leinwand (3). Richter sagte in einem Interview, dass seine Bilder nicht unscharf seien, sondern nur ungenau in Bezug auf den dargestellten Gegenstand. Die Unschärfe zeige, dass das Bild etwas anderes ist, als der dargestellte Gegenstand an sich.(4)

Nach Dietmar Elger schafft Gerhard Richter durch "vermalte Details" Landschaftsbilder, die verallgemeinernd über die jeweilige topographische Situation hinausweisen und damit als Modelle unserer Wirklichkeit dienen.(5) Diese Wirklichkeitsmodelle können beim Betrachter weit mehr eigene Assoziationen wecken als die durch und durch geplanten, scharf konturierten, Wirklichkeit behauptenden Hochglanz-Landschaftsaufnahmen. Richter propagiert eine "Malerei wie die Natur"(6): ein zielloses Werden und Da-Sein. Oskar Bätschmann sieht die Arbeit Richters nicht von Plänen getrieben, "sondern von Lust und Wille, etwas entstehen zu lassen"(7), "in der Erwartung, dass sich da ein Bild einstellt"(8).

Wahrnehmungs- und Erinnerungsbilder

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfolgten Künstler das Ziel, nicht mehr länger das wahrgenommene Objekt, sondern Wahrnehmungsbilder wiederzugeben (9). John Ruskin fordert mit seinem Postulat des unschuldigen Auges, den reinen Reiz - als Ursprung der Wahrnehmung - zu erfassen und nicht eines der Bilder, die auf den folgenden Stufen des Wahrnehmungsprozesses durch weitergehende Interpretationen entstehen.

Ebenfalls der möglichst scharfen und detailreichen Wiedergabe des dargestellten Objekts abgewandt ist die Suche von Künstlern nach inneren Bildern, Bildern unserer Erinnerung. Unser Gehirn hat hierbei keine Einzelheiten mit aufgenommen. "Einzelne Sujets innerer Bilder entziehen sich, werden unscharf, sobald die Aufmerksamkeit darauf gerichtet wird"(10). In unserer Erinnerung zerfließen die Umrisse einzelner Objekte und gehen ineinander über. In einem Schwebezustand zwischen Erscheinen und Verschwinden sieht Oskar Bätschmann die Bilder Gerhard Richters: "Was sich zeigt, was erscheint aus dem Nebel der Unschärfe, wird nicht fixiert und bleibt Erscheinendes".(11)

Wegen der Unschärfe der einzelnen Motive weisen Erinnerungsbilder Ähnlichkeiten mit dem eingangs beschriebenen Blick in die Ferne auf. Lochkamerabilder übertragen gewissermaßen die beschränkten Möglichkeiten unseres Auges beim Blick in die Ferne auch auf das Nahe, indem sie auch hier den scharfen Blick verhindern. Mit der Lochkamera gelingt es, vor "Überreizung bewahrte Bildkompositionen" zu schaffen (12).

Bilddetails treten "im Verhältnis zur Gesamtsituation in den Hintergrund und Komposition und Stimmung der Aufnahme erhalten höheres Gewicht".(13)

Mit Lochkameraaufnahmen gelingt es, ein Gedankenbild des Motivs mit nach Hause zu nehmen. Sie sind damit gewissermaßen Artgenossen unseres Gedächtnisses und unserer Erinnerung.

Anmerkungen

1 Vgl. Müller (1967b), S. 188 - 190 und Ullrich (2002), S. 9. | 2 Vgl. Ullrich (2002), S. 19 - 25. | 3 Vgl. Elger (2002), S. 9. | 4 Vgl. Schön (1972), S. 66 - 70. | 5 Vgl. Elger (2002), S. 20 zu einer Charakterisierung der Landschaftsgemälde von Gerhard Richter. | 6 Vgl. Richter (2002), S. 111 u. 113. | 7 Bätschmann (2002), S. 35. | 8 Gerhard Richter im Interview: Buchloh (1993), S. 145 - 146 und 149 - 150. | 9 Vgl. Ullrich (2002), S. 62 - 63. | 10 Vgl. Ullrich (2002), S. 71. | 11 Bätschmann (2002), S. 35. | 12 Vgl. Ullrich (2002), S. 71. | 13 Schröder (1993).

Literatur

Bätschmann, Oskar (2002): Landschaften in Unschärfe, in: Richter (2002), S. 24 - 38. Buchloh, Benjamim, H. D. (1993): Interview mit Gerhard Richter, in: Richter (1993), S. 145 - 150. | Elger, Dietmar (2002): Landschaft als Modell, in: Richter (2002), S. 8 - 23. | Richter, Gerhard (2002): Landschaften, Ostfildern-Ruit. | Richter, Gerhard (1992): Sils, Ausstellungskatalog, Stuttgart. | Richter, Gerhard (1993): Text, Schriften und Interviews, Frankfurt am Main und Leipzig. | Müller, Adam (1967a): Kritische, ästhetische und philosophische Schriften, Band 2, (Hg. Walter Schroeder und Werner Siebert), Neuwied und Berlin. | Müller, Adam (1967b): Etwas über Landschaftsmalerei, in: Müller (1967a), S. 188 - 190. | Schön, Rolf (1972): Interview mit Gehard Richter, in: Richter (1993), S. 66 - 70. | Schröder, Hartmuth (1993): Der Besucher, Hannover. | Ullrich, Wolfgang (2002): Die Geschichte der Unschärfe, Berlin.